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Esoterik und die Wissenschaft: Doppelt und gespalten

Als junger Mensch, der sich seitdem er denken kann und sich anschickte, die Welt zu verstehen, von allen Seiten Wissen entgegennahm und versuchte, zu eindeutigen Schlüssen zu kommen, traf ich auf mehrere scheinbar unvereinbaren Gegensätze. Einer der Grössten ist der Widerspruch zwischen der Wissenschaft und der Esoterik.


Die Wissenschaft, die durch ihre rationale Methode Untersuchungen und Messungen anstellt, gerät, wie wir es oft erleben, in Konflikt mit der Esotherik, respektive der Spiritualität. Die Domäne der Spiritualität, die ich hier austauschbar mit Esotherik verwende, ist eine gänzlich andere: Ihre Erkenntnisse bedienen sich oft alter Traditionen und Erkenntnislehren als auch intuitiver Einsichten. Aus Sicht der Schulwissenschaft taugen solche Erkenntnisse oft wenig und werden nicht selten von deren Zeloten zerpflückt und daraus gewonnene Informationen radikal in Frage gestellt. Kämpfe zwischen den Lagern von Wissenschaftsanhängern und "Esoterikern" begegnen uns in diesen Tagen regelmässig und bedauerlicherweise besteht meist nicht die Absicht, sich in der sprichwörtlichen Mitte zu treffen oder einen respektvollen Dialog zu führen. Es wird stattdessen von der Abgeschlossenheit und völligen Richtigkeit der eigenen Sicht ausgegangen und der andere wird, wenn man ihn nicht gerade abwertet, belächelt und belehrt. Ein wahrhaftiger Dialog kommt beinahe nie zustande, nicht zuletzt deshalb, weil der Dualismus, der über die pauschalen Labels erzeugt wird, aufgelöst würde und somit die Festungen der Selbstgerechtigkeit beider Seiten kollabieren würden und man sich wieder als Menschen aus Fleisch und Blut auf der grünen Wiese treffen müsste.

Es ist daher kein Wunder, dass Menschen unterschiedlicher Ansichten diese Art von Unterhaltung meiden und lieber unter Seinesgleichen lockere und überwiegend affirmative Gespräche zu diesen Fragestellungen führen. Aus meiner Sicht sind wir hier aber noch nicht fertig. Natürlich sind die Konflikte durch die Trennung der Parteien vorüber, nicht aber die Problematik gelöst. Natürlich meinen beide wohl etwas Anderes, vor allem, wenn sie so unterschiedliche Sprache verwenden. Und doch geht es bei beiden um dasselbe!

Es ist für mich das Leben, über welches nichts hinausgeht. Das Leben ist das erlebte Sein, die Gesamtheit unseres kosmischen Erdentheaters, in und durch welches wir wandeln und leiben. Ist alles das grosse Leben, der eine Kosmos, das All-Einige, so kann es in letzter Instanz keine zwei Gegensätze geben. Wenn überhaupt, dann nur als Polarität, die einen zirkulären Fluss erzeugt. Doch auch der ist letztlich eine Einzahl, eine All-Einigkeit.

Ist man sich der gesamten Ganzheit des Lebens bewusst, so kommt man unweigerlich zum Schluss, dass die Auflösung der Gegensätze nicht nur möglich, sondern letztlich unumgänglich ist, um einer jeden Sache auf den Grund zu gehen. Das ewige Für und Wider zweier Pole lässt sich nur durch eine erneute Integration verstehen. Anders gesagt: Es ist nicht Yin und nicht Yang, es ist der eine Kreis, der sie bindet. Und der Kreis ist immer rund und eins, ungeachtet der geschwungenen Formen seiner Komponenten.

So muss es also auch mit der Wissenschaft und der Esoterik sein. Sie, die sie sich in der einen oder anderen Weise anschicken, die fundamentalen Fragen des menschlichen Lebens zu beantworten, müssen letztlich dasselbe meinen. Wenn auch die Ansätze und der Kontakt zum Untersuchungsgegenstand einander fremd sind, so treffen sie sich in ihrem sinnhaften Bezug.

Der Mensch braucht ein Erklärungsmodell. Er will wissen, wie es ist, bzw. erklärt bekommen, wie es ist. Dass diese Erklärungen nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen müssen, wissen wir. Und doch will jeder Mensch etwas dazu wissen und sagen können, was ihm im Leben widerfährt. Seine kognitive Entwicklung, sein Wortschatz und seine kulturelle Prägung bestimmen die Mittel und deren Horizont zur Bildung einer Erzählung sowie das Potenzial, eine solche aufzunehmen und wiederzugeben. Selbst wenn eine objektive Realität existiert, besteht nach der partiellen Erkenntnis derselben durch die ebengenannten Faktoren eine weitere Ebene der Individualisierung der Wahrnehmung.

Durch den eigenen Werdegang und die daraus entstandenen Potenziale und Beschränkungen entsteht ein einzigartiger Ausdruck - ja eine Interpretation - dessen, was da ist. So sei es allen verziehen, dass sie sich alleinig ihrer eigenen Sprache bedienen (können) und es sei daher mit Nachsicht angenommen, wie sich ein anderer ausdrückt.

Der gute Gesprächspartner bleibt nach Möglichkeit stets dem Gemeinten treu und folgsam, nicht etwa dem wirren Flickenteppich seiner momentan entstehenden Assoziationen.

Der Friede mit der Absicht und die Verständigung ist und bleibt eine Tugend.


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